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LAYLA, TIKTOK und der Untergang unserer Kultur

 

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Früher war alles besser? Nein, ganz sicher nicht. Zu jeder Zeit tun und taten sich Abgründe auf, das liegt in der Natur des Menschen. Dennoch kann und sollte man in gewissen Bereichen massive Erosionsprozesse ansprechen. Die geistige Entwicklung breiter Gesellschaftsgruppen und die resultierende Kultur gehören meiner Meinung nach entschieden zu diesen Verfallsprozessen.
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Kommentar von von Stefan Müller

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Als Kind der Achtziger Jahre kenne ich noch Kultursendungen im Fernsehen. Klar, Reste davon sind natürlich geblieben, meist auf den Nischenprogrammen 3sat und Arte. Okay, es gibt sie noch, und das ist gut so. Der Stellenwert von Kultur hat sich jedoch massiv verändert. Vor dem Jahrtausendwechsel waren z.B. Aufzeichnungen von Opern nichts Ungewöhnliches im Fernsehen. Das gibt es in dieser Form kaum noch. Letztlich ist das neben einer Angebotsproblematik auch der Nachfrage geschuldet, denn selbst gebildete Bürger geben heute an, dass Opern ihnen zu sperrig und andererseits zu dünn seien. Mir geht es an dieser Stelle auch gar nicht um die Oper als Sinnbild für Kultur, sondern nur als einen Aspekt davon. Selbstverständlich ist auch ein Change in der kulturellen Ausrichtung einer Gesellschaft völlig normal und sogar wünschenswert. Andernfalls wäre Fortschritt zu keiner Zeit möglich gewesen. Soll man sich jetzt jedoch freuen, dass der Sommerhit „Layla“ von DJ Robin & Schürze dazugehört?
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Zur guten Layla muss ich feststellen, dass dieser Ballermann-Hit niemals einen Skandal für mich dargestellt hat und auch kein Aufreger für mich war. Ich finde diese Art von Musik wenig anspruchsvoll, habe jedoch kein Problem damit. Viel interessanter finde ich die Degeneration in der deutschen Gesellschaft, für die Layla ein Symptom ist. Wie sollte man die Diagnose korrekt benennen? Stadtfestitis, Ballermanndemenz oder Dorffestmanie? DAS ist doch 2022 für breite Gesellschaftsteile die einzig noch stattfindende Kultur: Man baut die immer gleichen Sauf- und Fressbuden als Frühlings/Sommer/Herbst/Kartoffel/ Wintermarkt (Martins‑, Nikolaus- und Weihnachtsmarkt dürfen neben dem Stadtfest und der Kirmes natürlich nicht fehlen) und geht dorthin, um sich so richtig schön das Gehirn wegzubrennen. Auch das ist völlig legitim, ich habe kein Problem damit. Ich weiß jedoch nicht, ob das als vorherrschende Kultur sinnvoll ist?
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Im Grunde leben wir einen gepflegten Kultur-Nihilismus aus. Es geht nur noch ums Saufen, Protzen und Fi.…, Letzteres sogar im doppelten Sinne, nämlich wörtlich und im übertragenen Sinne. Diese Entwicklung wurde natürlich auch durch Social Media gepusht, denn jeder glaubt, damit ein Star sein zu können. In diesem Kontext wird dann jedes Dorffest tatsächlich zu einem Kulturevent, das man dann auch genüsslich auf Instagram, TikTok und Facebook mit sich selbst im Mittelpunkt inszenieren kann. Und wenn man gleich dabei ist, kann man ja auch ruhig selbst zum Mikro greifen und ein Video aufnehmen. Wer hat noch Bock auf Opernsänger, Schauspieler oder Autoren? Ich will doch selbst mein Ego streicheln, dazu brauche ich doch keine jahrelange Ausbildung oder spezielle Fähigkeiten, denn ich bin die Sonne meines Universums.
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Letztlich ist natürlich Dieter Bohlen mit seinem Castingformat DSDS schuld. Wer braucht schon echte Superstars, wenn er selbst einer sein kann. Oder ist auch der Dieter nur Symptom von etwas anderem, viel Schwerwiegenderem? Die erste Staffel von DSDS lief 2002, also vor exakt zwanzig Jahren. Dass sich dieses Format so lange halten konnte, hat sicher mehrere Gründe. Sicher ist nur, dass genügend Menschen es sehen wollen. Könnte es nicht sein, dass das Motiv dafür sehr eng mit dem Niedergang der Kultur verflochten ist?
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Die gesellschaftliche Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander, und zwischen den Lagern existiert auch kaum ein Austausch. Wer ganz unten ist, kann sich oftmals anstrengen, so viel er will – er wird aus dem Morast nur sehr schwer rauskommen. Anders herum bietet die Oberschicht sehr viel Knautschzone, selbst für schwerere Missgeschicke – wer einmal oben ist, muss sich für einen Absturz extrem anstrengen.
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Unterstellen wir jetzt, dass der Großteil der Menschen in diesem Land auf ihre Erwerbstätigkeit angewiesen ist bzw. auf staatliche Leistungen wie Arbeitslosengeld und Hartz IV. Die Arbeitswelt hat sich mindestens im gleichen Maße verändert, wie es auch die Freizeit getan hat. Nehmen wir alleine das Smartphone, das als iPhone seit dem Jahr 2007 seinen Siegeszug angetreten hat und in unserem Leben fast nicht mehr wegzudenken ist. Wer abends gestresst von der Arbeit kommt, daddelt noch etwas auf seinem Handy herum oder schaut im besten Fall noch eine Folge seiner Lieblingsserie auf Netflix. Für ein Buch, ein Theaterstück oder eine Oper bleibt da einfach keine Zeit. Außerdem ist mit dem Endgerät eben auch der Zugang zum Social Media direkt in unsere Alltagswelt möglich. Und wer kann sich schon der Idee verschließen, als nächster Influencer oder YouTube-Star den Exit aus seiner tristen Alltagswelt zu schaffen?
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Wir sollten das Momentum, das gerade durch die mobilen Endgeräte erzeugt wurde, nicht unterschätzen. Nehmen wir die Social Media-Plattform TikTok. Jugendliche und zunehmend auch Erwachsene werden dort mit Videos überflutet, die meist kaum länger als eine Minute sind. Durch fleißiges „Swipen“ verkürzt man die Dauer der einzelnen Videos noch weiter und setzt sich der totalen Reizüberflutung aus. Wenn das nur ausdauernd genug eingeübt wird, könnte das vielleicht auch unsere Konzentrationsspanne drastisch nach unten fahren? Sind wir dann überhaupt künftig noch fähig, einem intensiven Gespräch zu folgen?
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Letztlich kann niemand mehr diese Entwicklung aufhalten, bzw. die verantwortlichen Stellen rühren keinen Finger. Wenn der Einzelne wahlweise gestresst und auf sich selbst zurückgeworfen eskapistisch in die Virtualität flüchtet, oder sich die Birne bei einem der beliebigen Anlässe wegsäuft (oder kifft), ist er definitiv kein kritischer Bürger mehr. Wer von den Partybiestern und Social-Media-Helden soll denn noch die Aufmerksamkeit aufbringen, um über Missstände in unserem besten Deutschland aller Zeiten nachzudenken?

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Quelle

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