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Apokalyptisches Denken – Mit dem Ende beginnen

 

In der Wissenschaft der Logik schreibt Hegel „alles Vernünftige ist ein Schluß“ (Hegel, 1979, S. 351). Ein Schluss ergibt sich für ihn, wenn Anfang und Ende als Elemente eines Prozesses wie Zahnräder ineinander greifen, also eine einander bedingende, sinnvolle Einheit bilden. Darum kommunizieren wir Informationen als Erzählungen. Erst das Ende der Narration bringt ihren Sinn zum Vorschein – weshalb das in die Umgangssprache eingegangene Und die Moral von der Geschicht’ auch beispielhaft das Ende von Wilhelm Buchs Bildergeschichte Das Bad am Samstagabend beschließt.

Nun gibt es den Schluss im Kleinen, den der Rituale und Zeremonien, das immer wieder praktizierte Ende, das einen Rhythmus wie Takt schafft und es gibt das große, fulminante, das finale Ende: die Apokalypse. Letztere genießt mittlerweile einen zweifelhaften Ruhm – als Kapitulation vor katastrophalen Zuständen, Angst schürende Rhetorik eines politischen Totalitarismus oder religiöser und popkultureller Eskapismus. Die Medien der letzten hundert Jahre waren und sind immer noch durchsetzt von apokalyptischer Metaphorik. Schon die Literatur der mittleren achtziger Jahre wurde von Paul Konrad Kurz in seinem Überblick unter dem Titel Apokalyptische Zeit veröffentlicht. Comics, Filme, Romane, Theaterstücke und Videospiele mit dem Leitmotiv des Weltuntergangs und der Postapokalypse erscheinen in Massen und generieren reißenden Absatz.

Doch das Weltende immerzu als hohles Entertainment oder einen Sackgassen-Pessimismus auszuweisen tut ihm Unrecht. Es ist zwar eine pessimistische Denkfigur, aber eben auch eine produktive und für das analytische Denken unentbehrliche. Schließlich bedeutet Apokalypsis zunächst nicht Katastrophe, Untergang, Weltuntergang, sondern Offenbarung, Enthüllung, Aufdeckung der Wahrheit (Derrida, 2000, S.12). Das impliziert: Die Wahrheit existiert, aber sie liegt im Verborgenen, ihr Modus ist das Geheimnis. Als Begriff zur Bezeichnung einer Literaturgattung existiert die Apokalyptik, die sich vor allem zwischen dem zweiten vorchristlichen und zweiten nachchristlichen Jahrhundert in der Überschneidung von isrealitischen, frühchristlichen und antiken Traditionen gebildet hat, erst seit rund 200 Jahren (Roloff, 1984, S. 11). Wesentlichsten Bezugspunkt dieser Literaturgattung bildete dabei die Offenbarung des Johannes. Bei allen Unklarheiten über den Verfasser und die Textentstehung lässt sich die Überlieferung abseits des genauen historischen Befundes immer noch mit einem Erkenntnisgewinn hinsichtlich dessen auslesen, was Bazon Brock apokalyptisches Denken nennt.

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