Logentum: Der ewige Tempelbau

„Wo begann die Maurerei? – Sie begann mit den ersten Menschen des Ostens, welche vor den ersten Menschen des Westens existierten, und, indem sie westwärts ging, brachte die Maurerei alle Erquickung zu den unwissenden Wilden, die für jene Dinge noch unerweckt waren.“ [Vermutlich aus einem Brief des Englischen Königs Henry VI. (1421-1471), publiziert anno 1753 durch John Locke.]

Es gibt eine Frage, die kein Freimaurer schlüssig zu beantworten weiß: Wo liegen die Ursprünge ihrer Symbole und wie alt ist die Freimaurerei?

Ganz bestimmt wurde sie nicht im Jahre 1717 ‚erfunden‘ – obwohl diese Jahreszahl in oberflächlichen Abhandlungen öfters als Geburtsstunde modernen Freimaurertums angegeben wird. Ganz sicher auch reicht sie über die Anfänge des Templerordens hinaus zurück in eine Vergangenheit, von der keine Schriftrollen oder sonstigen Aufzeichnungen gefunden werden können. Es gibt Forscher, die so kühn sind zu behaupten, Freimaurerei sei vermutlich „so alt wie die Menschheit selbst und Religion so alt wie Freimaurerei.“ Eine bedeutungsvolle Aussage. Erstens hieße das, daß die Inhalte der Maurerei nicht von Menschen ausgedachter Schnickschnack wären – und zweitens, daß es eine Urreligion gäbe, die mehr oder weniger identisch mit Freimaurerei ist.

Der Satz stammt von Foster Bailey, Ehemann der esoterischen Schriftstellerin Alice Bailey und Hochgrad-Freimaurer. In seinem Buch ‚Der Sinn der Freimaurerei‘ schreibt er, „Freimaurerei ist der Nachfahre einer göttlichen geoffenbarten Religion, die viel älter ist als das Datum der Schöpfung, wie es uns von der Bibel überliefert wird. Freimaurerei und ihre allegorischen Rituale, Symbole und Zahlen sind alles, was uns von dieser ersten Weltreligion geblieben ist, die in einer so uralten Vorzeit ihre Blüte hatte, daß es unmöglich ist, ein Datum festzulegen. Sie war die erste einheitliche Weltreligion. Danach kam die Periode der Trennung in viele Religionen und des Sektierertums. Heute arbeiten wir wieder auf eine universale Weltreligion hin.“

Bailey siedelt die Anfänge der Maurerei in der Zeit Lemuriens an. In der okkulten Lehre vom Beginn des Menschengeschlechts weiß man um den längst versunkenen Kontinent Lemuria oder ‚Mu‘, der sich im Gebiet des heutigen Pazifiks/Indischen Ozeans befand. Daselbst soll die frühe Menschheit auf unserem Planeten gesiedelt haben – in einem Zustande der Unschuld, aber auch der Unwissenheit. Der Mensch stand damals in seiner Gesamtevolution dem Tier viel näher als heute, und, nachdem er aus dem ‚Paradies‘ einer reinen Welt vertrieben und in die Stofflichkeit gesunken war, befand sich auch seine Seele in einem tiefen und dunklen Gefängnis, unfähig, das Licht, das in jeder menschlichen Form verborgen ist, zu sehen oder zu fühlen. Damals schon seien die Menschen von den ‚Baumeistern des Universums‘ gelehrt worden, und entsprechend ihrer gering entwickelten Denkfähigkeit habe man die Kraft der Symbole eingesetzt, um in ihre Seelen unauslöschliche Schwingungen einzugraben.

Foster Bailey glaubt noch mehr zu erkennen: Der maurerische Einweihungsweg, schreibt er, stelle zugleich auch den Werdegang der ganzen Menschheit dieses Planeten dar. Im ersten Grad wendet sich der Lichtsucher an die Loge, um überhaupt Einlaß zu finden und Lehrling werden zu dürfen. In diesem Zustande habe sich die lemurische Menschheit befunden: „Die Menschheit war wie der Lehrling, der blind herangetorkelt kommt, an das Tor klopft und um Einlaß bittet. Von Blindheit zum Licht… die Suche nach Licht“ stelle diese frühe Menschheitsperiode dar.

Auf Lemuria folgte die atlantische Zivilisation. Die Menschen erreichten einen Punkt, wo sie beginnen konnten, ihre Leidenschaften zu beherrschen und jene Künste und Wissenschaften zu pflegen, die sie auf eine höhere Lebensstufe zu erheben vermochten. Die Menschheit mußte, laut Bailey, ein frühes Denkvermögen entwickeln und durch das Studium der Künste und Wissenschaften ihr Bewußtsein entfalten. Die Aufgabe der Atlanter drehte sich demnach um Gefühle, Empfindsamkeit und Mystik. Dies entspreche der Geselleneinweihung – dem 2. Grad in der Freimaurerei.

In unserer heutigen Rasse hat die Menschheit nach dem Licht gesucht und ein gewisses Maß an Wissen und Weisheit erlangt. Sie sei nun bereit, den Grad des Meister-Maurers (3. Grad) zu erlangen, und das Meisterwort zu erfahren, nach dem sie so lange gesucht habe.

In unserer Zeit müsse die Menschheit, so Foster Bailey, nach dem Meisterwort suchen, ihren Arbeitslohn erdienen und in fremde Länder reisen. In ihrer niederen Nebenbedeutung sind diese drei die Ziele der heutigen Menschheit: Lohn zu verdienen, das Verlangen, in irgendeiner Disziplin Meisterschaft zu erreichen und ständiges Unterwegssein sind die hervorstechenden Züge unserer modernen Zivilisation. Doch eigentlich geht es um die geistigen Gegenstücke, nämlich das Erwerben geistiger Belohnungen, um ständige Aktivität oder ständigen Dienst und um die Suche nach dem (verschollenen) ‚Meisterwort‘.

Wann immer wir den Blick rückwärts durch die Menschheitsgeschichte schweifen lassen und uns lösen vom bloß Vordergründigen, entdecken wir, daß es zu jeder Zeit mehr oder weniger geheime, verborgene Gesellschaften, Orden oder Brüderschaften gab, die ein Wissen hüteten, für das die große Masse der Menschheit nicht reif war. Immer gab es jene Vorreiter der Zivilisation, die tiefer forschten, höher hinaufreichten und danach strebten, Gott näherzukommen – sei es durch die Suche im Äußeren, wie sie der Turmbau zu Babel repräsentiert oder durch die Suche im Innern, wie wir sie in den Einweihungszeremonien der ägyptischen Tempel finden. In der Freimaurerei wird das verlorene Meisterwort gesucht – welches das Tor zum vollkommenen Menschen darstellt, der unser aller Zukunft und Schicksal ist. Immer auch gab es hohe Eingeweihte, die das geheime Wissen von einem Zeitalter zum andern weiterreichten, von einer Menschheitsrevolution zur nächsten.

So war es auch in vorsintflutlicher Zeit – also zu Zeiten von Atlantis. Damals soll der Legende nach ein Patriarch namens Lamech gelebt haben. Er hatte drei Söhne, von denen einer die Geometrie erfand, (welche in jenen Zeiten als die vollkommenste und heiligste Kunst betrachtet wurde), einer war der erste Maurer der Welt, und der dritte der erste Schmied. Wie Noah war auch Lamech vor der kommenden großen Flut gewarnt worden. Zusammen mit seinen Söhnen beschloß er, ihr Wissen in zwei Steinsäulen zu bewahren, damit nachsintflutliche Generationen es würden finden können.

Eine dieser Säulen soll von Hermes Trismegistos gefunden worden sein. Die Griechen verehrten ihn als den ‚Dreimalgroßen‘ Gott Hermes, die Ägypter als ibisköpfigen Thoth. Er war berühmt für sein universales Wissen, das keine Grenzen zu kennen schien.

Von Babylon zum Tempel Salomons

Von den Maurern heißt es, sie seien erstmals beim Turmbau zu Babel als Körperschaft organisiert gewesen. Jener Turm sollte sinnbildlich in den Himmelreichen, um Gott zu treffen. Der Architekt jenes sagenhaften Bauwerkes war König Nimrod von Babylon – ein Maurer. Seinem Cousin, dem König von Niniveh, schickte er sechzig Maurer, die ihm beim Bau seiner Städte behilflich sein sollten. Bevor sie sich auf die Reise machten, wurde ihnen eingeschärft, daß sie zusammenhalten sollten, in Harmonie leben, um Zwietracht zu verhindern, und ihrem Herrn als ihrem Meister auf Erden dienen.

Populären Quellen zufolge sollen die alten Hebräer ihr Wissen von der Maurerei von jenen Babyloniern erhalten und es nach Ägypten gebracht haben. In Ägypten wiederum sei dieses Wissen durch die Mysterien und die okkulten Traditionen der Pyramidenbauer beeinflußt worden, welche in der Technik der‚ heiligen Geometrie‘ äußerst versiert waren.

Einen zentralen Platz im Freimaurertum nimmt seit Jahrhunderten die Legende vom Baumeister des salomonischen Tempels, Hiram Abiff, ein (siehe Kasten). Auch der in der Bibel erwähnte Abiff soll Mitglied einer Geheimgesellschaft gewesen sein, nämlich der ‚Dionysischen Handwerker‘. Erstmals werden sie erwähnt um das Jahr 1’000 v.Chr. anläßlich des Baus des Jerusalemer Tempels. Auch sie kannten geheime Zeichen und Paßworte zur Identifikation; waren in Kapitelle und Logen unterteilt, die von einem Meister geleitet wurden und hatten sich der Hilfe an den Armen verschrieben. Die Gesellschaft der Dionysischen Handwerker schuf Logen in allen Mittelmeerländern und ihr Einfluß machte sich bis nach Indien bemerkbar. Mit dem Aufstieg des römischen Reiches wurden Logen in Zentral- und Westeuropa gegründet; ebenfalls auf den britischen Inseln.

Jene Handwerker waren mit einer anderen Geheimgesellschaft verbunden, den ‚Ioniern‘. Sie hatten ihren Sitz in Kleinasien und sich zum Ziel gemacht, die griechische Zivilisation in einer damals ziemlich barbarischen Welt zu verbreiten. Sie waren verantwortlich gewesen für den Bau des berühmten Diana-Tempels in Ephesus. Architekten dieser Gesellschaft arbeiteten mit Mitgliedern der ‚Dionysischen Handwerker‘ aus Tyrus am salomonischen Tempel. Später nannten sie sich die ‚Söhne Salomons‘ und benutzten sein magisches Siegel – zwei verschlungene Dreiecke, welche die Vereinigung männlicher und weiblicher Energien symbolisieren sollten – der Davidstern. Jene ‚Handwerker‘, welche in Israel siedelten, gründeten später die Chassiden, eine Zunft von sehr geschickten Kunsthandwerkern, welche religiöse Gebäude reparierten. Diese neue Vereinigung sei wesentlich an der Gründung der mystischen ‚Sekte‘ der Essener (sprich Esseeener) beteiligt gewesen, welche durch die Funde der Schriftrollen von Qumran am Toten Meer Berühmtheit erlangten. Jesus war ein Essener gewesen, und es gibt Verbindungen zwischen den Essenern und den mittelalterlichen Tempelrittern.

Die Dionysischen Handwerker bauten die religiösen Tempel einer göttlichen Geometrie gemäß, welche den göttlichen Plan versinnbildlichen sollte. Durch Symmetrie, Maße und Proportionen schufen sie Gebäude, die den menschlichen Körper darstellten als ein Symbol des Universums. Ihre Architekturtheorie basierte auf der hermetischen Philosophie und auf dem pantheistischen, ‚heidnischen‘ Glauben an die Einheit zwischen Universum und Gott. Sie propagierten bereits das politische Ideal von Utopia auf Erden. Im Menschen sahen sie – wie die Freimaurer – einen unbehauenen Felsblock, welchen der Meistermaurer oder der Große Architekt (sprich Gott) immerzu bearbeitet, damit er zu einem perfekten Kubus werden möge – auch dies das Freimaurer-Ideal.

Augustus und die römischen Maurer

Im alten Rom galt Kaiser Augustus als Patron der maurerischen Tradition. So war er auch der Großmeister des römischen Kollegs der Architekten. Das ‚Collegium Muriorum‘ nahm Einweihungsriten heidnischen Ursprungs vor, welche sich um die Mythen von Tod und Wiedergeburt rankten, wie sie aus den ägyptischen Mysterien überliefert waren. Ein von diesem Kollegium erbauter Tempel wurde in Pompeij ausgegraben – jener Stadt des Altertums, die 71n. Chr. von der Lava des eruptierenden Vesuvs verschüttet worden war. Unter den Symbolen, die man im Tempel fand, waren der doppelte Dreiangel von Salomon, das schwarzweiße Zeichenbrett (welches schon von den Dionysischen Handwerkern verwendet wurde), der Schädel, das Senkblei, und der Pilgerstab. Dieselben Symbole finden sich später in der mittelalterlichen Maurerei und in der spekulativen Freimaurerei wieder.

Die Tradition des römischen Kollegiums scheint auf den Orden der Meister von Comacine übergegangen zu sein, welche während der Regierungszeiten der Kaiser Konstantin und Theodosius (4. Jh. n.Chr.) ihre Blütezeit hatten – in der Zeit also, da das Christentum weit um sich griff und zur dominierenden Religion im römischen Reich wurde. Die Legende berichtet, der Orden sei von Ex-Mitgliedern des römischen Kollegiums etabliert worden, welche vor den Barbaren auf die Insel Comacine im norditalienischen Comersee geflohen seien. 643 wurde die Gesellschaft unter den Schutz des Königs der Lombardei gestellt. Sie hatte in der Folge die Kontrolle über alle Architekten und Maurer auf der italienischen Halbinsel inne.

Der Orden von Comacine war in Logen unterteilt, die von einem Großmeister geleitet wurden. Man trug weiße Schurze und Handschuhe (genau wie später auch die Freimaurer) und identifizierte sich durch geheime Zeichen und Passworte. Der Orden galt als verantwortlich für die lombardischen und römischen Architekturstile und kann als Verbindungsglied betrachtet werden zwischen den Maurern und Architekten, welche die ‚heidnischen‘ Tempel erbaut hatten und jenen, welche die gotischen Kathedralen Westeuropas errichteten. Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß die Comacine-Maurer ganz Europa bereisten und- laut dem Historiker Bede-gardas angelsächsische England erreichten, wo sie eine Kirche in Northumbria (Nord-Umbrien!) gebaut haben sollen.

Sie waren der Prototyp jener Handwerksvereinigungen der Maurer, Baumeister, Architekten oder Zimmermänner, welche im Mittelalter vor allem in England und Deutschland eine Blütezeit erlebten. Manchmal zählten sie zwischen 600 und 800 Mitglieder. Sie bildeten eigentliche kleine Staatskörper, die sich – man bedenke die Zeit! – demokratisch verwalteten und als Wandergesellschaften herumzogen, um von Mönchen, Klerikern oder Adligen für ein Bauwerk unter Vertrag genommen zu werden.

ZeitenSchrift-Druckausgabe Nr. 12.

ddbNews R.

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