2. März 2021

Die Wissenschaft, der Notstand und die Freiheit (1)

Foto: Pixabay

Die Coronakrise und die Klimakrise führen uns einige Probleme im Verhältnis von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft deutlich vor Augen. Die Klimaproblematik ist im letzten Jahrzehnt zu etwas wie der Mutter aller Krisen geworden. Mit ihr wurde die Idee des Notstands salonfähig gemacht. Corona wirkte dann wie ein Notstands-Booster. Endlich konnte man nicht nur vom Notstand reden, sondern auch handeln: Mir nichts, dir nichts wurden im Frühjahr fast alle Grundrechte eingeschränkt und die Einschränkungen nur unter Vorbehalt zögerlich wieder aufgehoben, um im Herbst umstandslos wieder inkraft treten zu können.

Die Wissenschaft übernimmt in diesem Spiel die Rolle des Vermittlers zwischen Bürger, Regierung und Natur und ermöglicht es, dass sich Vater Staat und Mutter Natur zu einer ominösen Obrigkeit verbinden, der sich jeder unterzuordnen hat. Wissenschaft wird hier indes missbraucht. Die Politik folgt keineswegs, wie so oft reklamiert, der Wissenschaft. Politik versteckt sich vielmehr gerne hinter der Wissenschaft, um selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Und sie instrumentalisiert Wissenschaft natürlich auch, indem sie sich aus dem reichen Fundus aus Studienergebnissen wie in einem Selbstbedienungsladen die „Fakten“ zusammensucht, mit denen die eigene Agenda untermauert werden kann.

Die neue Prominenz der Wissenschaft in Politik und Medien verdankt sich in erster Linie dem Legitimationsproblem der Politik. Politiker folgen immer weniger politischen Idealen, auf die sie sich berufen können und mittels derer sie sich von anderen unterscheiden und eine Wählerbindung herstellen. Vielmehr beobachten wir ein großes Bedürfnis nach Konsens und nach Einheit der politischen Klasse. In den einfachen Worten von Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern: „Wir sollten jetzt in dieser Krise das, was typisch ist in der Demokratie, dass Regierung und Opposition sich reiben und diskutieren, einmal überwinden und zusammenstehen, um unserem Land zu helfen.“

Alle Parteien sind mittlerweile untereinander koalitionsfähig. (Bis auf die eine, die allein der Abgrenzung dient und die Unstatthaftigkeit jedes Zweifels an der Alternativlosigkeit zu verkörpern hat.) In der Krise kann Politik die Rolle des Beschützers übernehmen. Und dann können auch Wissenschaftler gute Dienste leisten, indem sie überparteilich die Mittel der Krisenbewältigung in Gestalt „objektiv notwendiger“ Maßnahmen liefern.

Greta Thunberg war es, die für den Einsatz von Wissenschaft als Legitimationsinstrument für die Herrschaft einen neuen griffigen Slogan populär gemacht hatte: „Unite behind the Science.“ Durch Hinzufügen des bestimmten Artikels wurde aus Wissenschaft, einer Methode zum immer besseren Verstehen der Welt, die Wissenschaft, das Schwert der Technokratie. Nun geht es bei politischen Maßnahmen nicht mehr darum, ob man dafür ist oder dagegen, sondern darum, ob man sie verstanden hat oder nicht.

Die aufgeklärten Eliten verstehen, was richtig ist und was zu tun ist. Das einfache Volk tut sich oft etwas schwer. Das funktioniert natürlich nur, wenn Wissenschaft ihren Wesenskern, das ständige Vertiefen und Verfeinern und vor allem Hinterfragen und Widerlegen, aufgibt. Stattdessen muss sie, um politisch brauchbar zu sein, nur Munition in Gestalt einiger weniger „Fakten“ liefern, die oft allerdings auch nur durch Modellrechnungen generierte Szenarien sind. Von diesen lässt sich dann jedwede Politik ableiten.

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