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Die Malthusianische Falle

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Wie eine wieder und wieder widerlegte Theorie von vor über 200 Jahren immer noch in unseren Köpfen spukt…

Wer heute Diskussionen zur Ressourcenknappheit, zum Klimawandel oder über das ökonomische Wachstum verfolgt, wird bei genauerem Hinschauen ein immer wiederkehrendes Argumentationsmuster erkennen: „Unser heutiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem verlangt ständiges Wachstum. Und das ist in einer endlichen Welt einfach nicht möglich“. Der intellektuelle Urgrossvater dieser Sichtweise war der britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus, der in zwei Werken 1798 („An Essay on the Principle of Population“) und 1820 („Principles of Economics“) das Prinzip der Endlichkeit unserer Ressourcen mit der Dynamik des menschlichen Bevölkerungswachstums verglich (die zugrunde liegende Argumentation findet sich allerdings bereits bei Aristoteles). Formuliert als mathematische Gesetzmässigkeit stellte Malthus es als unabwendbare Notwendigkeit dar, dass der Mensch schicksalhaft einem Gesetz der unbegrenzten Vermehrung gehorcht, während sich die Ressourcen, die es für ein solches „geometrisches“ (exponentielles) Wachstum der Menschheit braucht, sich nicht in denselben Proportionen vermehren. Diese entwickeln sich nur „arithmetisch“ (linear). Gemäss Malthus reichen bei einer solchen unbeschränkten Vermehrung irgendwann die Lebensmittel nicht mehr für die Ernährung der Erdbevölkerung aus, so dass es immer wieder „korrigierende“ Ereignisse in Form von Krankheiten, Elend, Kriegen und Tod gibt, die das Wachstum der menschlichen Bevölkerung begrenzen und so das Gleichgewicht wieder herstellen. Dass er damit eine wirtschaftliche und soziologische Theorie als Basis für konkrete Werturteile verwendete, dahingehend, dass Arme doch aus gutem Grund hungern und sterben, hat ihm immer wieder derbe Kritik eingebracht, so dass er heute in die Reihe anti-humanistischer Denker eingeordnet werden muss (der in seiner Zeit allerdings bedeutenden politischen Einfluss besass: seine Überbevölkerungstheorie führte 1834 in England zu einer neuen Armengesetzgebung, worin die Unterstützung Hilfsbedürftiger in England massive Kürzungen erfuhr). So meinte Malthus konkret: Ein mittelloser Mensch, dessen Arbeit die Gesellschaft „nicht nötig hat“, habe „nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde“. Diese bekannte wie berüchtigte Stelle hat Malthus zwar später wieder gestrichen, aber sie fasst sein Denken gut zusammen.

Das schreckt so manchen Ökonomen, Soziologen oder andersartig politisch Motivierten nicht davor zurück, das Malthusianische Argumentationsmuster auf die heutige Zeit anzuwenden. Wenn der Club of Rome die Grenzen des Wachstums darlegt und der Maltus’schen Theorie 1972 damit einen grünen Anstrich verlieh, Umweltökonomen das Argument der Endlichkeit unserer Umweltressourcen für die Forderung nach radikalen politischen Umkehrmassnahmen einsetzen, weil sonst der Untergang droht, Kapitalismusgegner ganz allgemein das ökonomische (exponentielle) Wachstum brandmarken, das ja aufgrund endlicher materieller Güter auf unserem Planeten nicht immer so weiterlaufen kann, Geldtheoretiker die Einführung von „Vollgeld“, d.h. eine Beschränkung der Geldschöpfung durch die Banken fordern (darum geht es demnächst in einer Volksabstimmung in der Schweiz), oder Gewaltforscher vor Heerscharen „überzähliger“ junger Männer warnen, so schwingt bei all dem der düstere, pessimistische Grundton Malthus mit. So heisst es an der zentralen Stelle des Berichtes des Club of Rome in nahezu Malthusianischer Formulierung: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Es gibt in der Geschichte der Nationalökonomie wohl kaum eine Theorie, die durch die tatsächliche Entwicklung deutlicher wiederlegt wurde als die Malthusianische. Seit 1800 stieg die Erdbevölkerung von weniger als einer Milliarde Menschen um das Achtfache auf heute mehr als 7.5 Milliarde. Zugleich ist der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung auf heute knapp über 10% gesunken. Zum Vergleich: Der Anteil der vom Hunger bedrohten Menschen im Jahr 1800 lag bei über 90% (so mussten 1800 noch 95% mit weniger als dem Äquivalent von 2 US Dollar in Preisen von 1985 auskommen). Hunger über breitere Bevölkerungsschichten hinweg beschränkt sich heute nahezu ausschliesslich auf den afrikanischen Kontinent. Und auch hier liegen seine Ursachen selten darin, dass es rein mengenmässig zu wenig Nahrung gibt, sondern verantwortlich dafür sind diverse soziale, politische und ökonomische Faktoren, die bedingen, dass Nahrung nicht zu denjenigen gelangt, die sie brauchen.

 

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