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Experten warnen: Soziale Schere klafft – mit schwerwiegenden gesamtgesellschaftlichen Folgen

 

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Der Wirtschaftsexperte und DIW-Chef Marcel Fratzscher warnte, dass die Ungleichheit aktuell noch stärker wächst als während der Pandemie. Immer mehr Menschen fielen unter die Armutsgrenze, was laut Experten fatale Folgen für die Gesellschaft hat.
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Dass mehr als zehn Millionen Menschen, darunter mehrere Millionen Kinder und Jugendliche, in einem der weltweit wohlhabendsten Staaten armutsgefährdet sind, ist Fakt und schockierend genug. Doch zudem zeigt sich, dass die Tendenz zur enormen Spaltung zwischen Arm und Reich in Deutschland sogar noch steigerungsfähiger ist als während der Pandemie. Durch die Folgen der COVID-19-Pandemie wurden insbesondere jene getroffen, die ohnehin wenig hatten. Im zweiten Pandemiejahr stieg die Armutsquote auf über 16 Prozent der Bevölkerung.
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Aktuell ist es mit der Rekordinflation wieder so, dass vor allem die Menschen verlieren, die bereits wenig haben und armutsgefährdet sind, sodass die Ungleichheit noch weiter steigt. Vor der bereits seit Jahren immer weiter auseinanderklaffenden Schere wurde oft gewarnt. Aktuell werde aber gar das Ausmaß der Ungleichheit während der Pandemie übertroffen, betonte der Experte für Makroökonomie und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Rund 40 Prozent der Menschen hätten keinerlei Rücklagen.
„Die soziale Schere geht momentan weiter auf, und zwar noch stärker als in der Pandemie“, erklärte Fratzscher gegenüber der Mediengruppe Bayern.
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Und wieder sind die am stärksten betroffen, die ohnehin am wenigsten haben. Der Top-Ökonom sprach von unsozialen Auswirkungen:

„Die rekordhohe Inflation zum Beispiel wirkt extrem unsozial, weil Menschen mit geringem Einkommen viel stärker darunter leiden.“
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Im Oktober legten die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 10,4 Prozent zu, womit der bislang höchste Preisanstieg seit etwa 70 Jahren erreicht wurde. Allein dies ist für einen Großteil der Bevölkerung ein Problem, so gab knapp jeder zweite Konsument kürzlich bei einer Umfrage der Unternehmensberatung EY an, wegen der explodierenden Lebenshaltungskosten nur noch das Nötigste einzukaufen.
Doch für die zahlreichen Bürger, deren Einkommen niedrig ist, wirkt sich die Inflation dreimal stärker aus als für Menschen mit hohen Einkommen, weil der Großteil ihres Geldes für die grundlegendsten Bedürfnisse wie Energie und Lebensmittel verbraucht wird.
Auch bei der Wirtschaft seien die kleinen Betriebe besonders hart von den Einschränkungen betroffen.
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„Die Großen fahren zum Teil auch in diesen Zeiten dicke Gewinne ein, während viele Mittelständler, die Kleinen, die Bäckerei um die Ecke, kaum mehr über die Runden kommen.“

Fratzscher plädierte daher für eine „zielgerichtete Verteilungspolitik“ anstelle der Gießkannen-Maßnahmen.
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Und schon vor der Rekordteuerungsrate war der Anteil der Armen in Deutschland stark gestiegen, wie eine am Donnerstag veröffentlichte Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt. Laut dem Verteilungsbericht 2022 hatte die Armut in Deutschland bereits im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen. Dabei zeigte sich nach Einschätzung der Autorinnen eine derartig dramatische Ungleichheit, dass „die Grundfesten unseres demokratischen Miteinanders ins Wanken geraten“.
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Die Quote der sehr armen Menschen, die weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, sei zwischen den Jahren 2010 und 2019 um gut 40 Prozent auf 11,1 Prozent der Bevölkerung gestiegen, berichtete das WSI. Zur Einordnung: Im Jahr 2010 lag das gewichtete Haushaltseinkommen pro Kopf im Mittel bei 21.219 Euro, im Jahr 2019 bei 24.037 Euro.
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„Im Jahr 2019 waren so viele Menschen in Deutschland von Armut betroffen wie nie zuvor“, fassten Dr. Dorothee Spannagel und Dr. Aline Zucco, die Autorinnen des Verteilungsberichts, das Ergebnis der Studie zusammen. Obwohl die Jahre zwischen 2010 und 2019 von einer guten Wirtschaftsentwicklung und sinkender Arbeitslosigkeit geprägt waren, hätten die armen Haushalte davon nicht profitiert. Sie seien sogar noch weiter zurückgefallen.
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Die Armutslücke – also der Betrag, der einem durchschnittlichen, finanziell schwachen Haushalt fehlt, um rechnerisch die Armutsgrenze hinter sich zu lassen – sei für einen Einpersonenhaushalt von 2.968 Euro im Jahr 2010 auf 3.912 Euro im Jahr 2019 angewachsen.
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Immer wieder alarmieren Verbände und Experten. Der Sozialverband Deutschland sprach von besorgniserregenden Zahlen. Auch der Paritätische Gesamtverband warnte bereits, dass die Armut in Deutschland im Jahr 2021 „einen traurigen neuen Höchststand“ erreicht habe. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren im Vorjahr rund 13 Millionen Menschen in Deutschland armutsgefährdet. Das entsprach 15,8 Prozent der Bevölkerung, an anderen Stellen war sogar von etwas höheren Zahlen zu lesen. Als von Armut bedroht gilt laut der EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Ausgerechnet unter den Minderjährigen im Land, bei denen das trotz Widerlegung durch Fakten gern vorgetragene Argument mangelnder Leistung noch weniger gilt, ist laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BKJ) ein besorgniserregend hoher Anteil betroffen. Demnach waren ohne Sozialleistungen im vergangenen Jahr 37,2 Prozent der Minderjährigen armutsgefährdet. Wurden Sozialleistungen einkalkuliert, mussten noch immer mehr als jeder fünfte unter 18 Jahren erfasst werden. In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen waren es sogar 25,5 Prozent.
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Und nicht nur im Hinblick auf das Geld sind die armen Haushalte benachteiligt. Wie die WSI-Studie deutlich machte, sind Gesundheit und Bildung sowie Lebenszufriedenheit messbar niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt, und ebenso das Vertrauen in staatliche Institutionen. Damit zeigte sich einmal mehr – als allein im Hinblick auf die Kaufkraft – dass Armut nicht nur ein Problem der Armen ist, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft. Die wissenschaftliche Direktorin des WSI, Bettina Kohlrausch, verdeutlichte noch einmal:

„Armut und soziale Polarisierung können die Grundfesten unseres demokratischen Miteinanders ins Wanken bringen, vor allem wenn sie sich verfestigen.“
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Tatsächlich stimmten in einer Umfrage der Böckler-Stiftung nur  59 Prozent der Armen der Einschätzung zu, dass die Demokratie in Deutschland im Großen und Ganzen gut funktioniere, und lediglich 68 Prozent hielten sie für die beste Staatsform. Mehr Engagement gegen Armut sei deshalb nicht nur notwendig, um den direkt Betroffenen zu helfen, sondern auch, um die Gesellschaft zusammenzuhalten, so Kohlrausch. Das gelte umso mehr in Zeiten hoher Inflation, in denen die Angst vor dem sozialen Abstieg immer mehr Menschen umtreibe.
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Vieles spricht nach Einschätzung der WSI-Experten dafür, dass die COVID-19-Pandemie und die hohe Inflation die Probleme der Armen in den vergangenen Jahren weiter verschärft haben. Auch nach einer aktuellen Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) trifft die hohe Inflation aktuell besonders Familien mit niedrigem Einkommen. Denn die größten Preistreiber – Haushaltsenergie und Lebensmittel – haben bei ihnen einen deutlich größeren Anteil am gesamten Warenkorb als bei den Wohlhabenden.
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Laut Statistischem Bundesamt waren im Mai dieses Jahres hierzulande bereits drei bis sieben Millionen Menschen überschuldet. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet bereits im kommenden Jahr mit einer neuen Überschuldungswelle in Deutschland. Zählten die Experten aus Neuss in ihrem kürzlich veröffentlichten Schuldneratlas für 2022 noch knapp 5,9 Millionen überschuldete Haushalte, so rechnen sie im nächsten Jahr mit einer deutlichen Verschlechterung der Situation. „Ein Anstieg der Überschuldungszahlen um rund 600.000 Fälle ist nicht unrealistisch“, hieß es im Schuldneratlas. Und es sei nicht auszuschließen, dass die Wucht des Nachzahlungsschocks bei Haushaltsenergie und die schwer kalkulierbare Dauer der inflationären Tendenzen noch mehr Haushalte in die Überschuldung trieben.
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Die aktuellen Entlastungspakete der Bundesregierung würden nach Einschätzung der WSI-Studienleiterinnen im Kampf gegen die Armut zwar etwas helfen: „Da kommt tatsächlich etwas an“, so Spannagel, doch gemessen an den grundsätzlichen Problemen in diesem Bereich sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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Quelle Russische Nachrichten

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