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Kranke Kinderseelen wegen der Pandemie?

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Hat es tatsächlich einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen aufgrund der Corona-Pandemie gegeben? Ein Psychiater gibt Auskunft.
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Wie kann die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gesichert werden und welche Rolle spielen Eltern dabei? In einem Gespräch mit der Epoch Times erzählt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort entgegen anderer Untersuchungen, dass es keinen Anstieg von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen gebe. Der Professor leitet die Fachklinik Marzipanfabrik und arbeitet in der Praxis Paidion eng mit Kindern und Jugendlichen zusammen.

Außerdem erklärt er, dass die Pandemie Kinder und Jugendliche nicht psychisch krank gemacht habe und meint, dass der Hybrid-Unterricht viel mehr Chancen für ein gezieltes und ruhiges Lernen ermögliche. Er appelliert, dass Erwachsene grundsätzlich wieder mehr Vertrauen in Kinder und Jugendliche haben sollen.

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Herr Schulte-Markwort, können Sie in letzter Zeit einen Anstieg von psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen beobachten und wenn ja, seit wann?

 

Ob es einen Anstieg gibt, ist immer wieder strittig. Vor einigen Jahren haben wir eine große Metaanalyse zur Prävalenz psychischer Erkrankungen in Deutschland seit 1945 gemacht und konnten feststellen, dass es keine Zunahme gibt. Es gibt dahingehend Veränderungen, dass sich das Spektrum erweitert hat. In den letzten zehn Jahren sind in den Statistiken beispielsweise zunehmend psychosomatische Erkrankungen dazugekommen. Insgesamt bedürfen etwa 20 bis 25 Prozent aller Kinder einer Diagnostik.

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Die DAK hat kürzlich die Ergebnisse einer repräsentativen Analyse veröffentlicht, nach welcher besonders Kinder und Jugendliche im Alter von 17 bis 19 und 5 bis 9 Jahren unter der Zunahme von psychischen Erkrankungen leiden. Außerdem sei laut Studie die Pandemie der Grund für die Zunahme. Sie hingegen sagen, dass der Anstieg nicht zu verzeichnen und die Pandemie nicht für die Verschlimmerung von psychiatrischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen verantwortlich sei. Können Sie das näher erläutern?

Die DAK-Studie kenne ich nicht. In ihren eigenen Daten werden sie gemessen haben, wo Diagnosen gestellt und Kinder in Behandlung genommen wurden. Vor einigen Jahren haben wir darauf hingewiesen, dass in Deutschland 50 Prozent aller Kinder mit einer kinderpsychiatrischen Diagnose nicht in Behandlung sind, weil es eine dramatische Unterversorgung gibt. In Hamburg warten Patienten ein Jahr auf einen ambulanten Diagnostik-Termin.

Der zweite Aspekt ist, wie die COPSY (Corona und Psyche)-Studie aus dem UKE von Professor Ravens-Sieberer zu der Pandemie zeigt, dass Kinder sich von der ersten zur zweiten Welle mehr belastet gefühlt haben. Diese Studie wird allerdings vielfach fehlinterpretiert. Die Kinder sagen: „Ich bin sehr belastet durch die Pandemie“ und daraus wird gemacht, dass sie psychisch krank sind. Diese Gleichsetzung stimmt nicht.

Im Rahmen der Pandemie habe ich viele Kinder und Jugendliche gesehen, die Homeschooling besser finden, als wirklich zur Schule zu gehen. Es gibt natürlich auch Kinder, die in diesem Kontext abgehängt worden sind. Es muss aber Belastung und psychische Erkrankung differenziert werden.

Sicher verändert hat sich das Inanspruchnahme-Verhalten von Eltern durch die Pandemie. Eltern waren mehr zu Hause, haben Homeoffice gemacht und mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht. Dadurch haben sie mehr gesehen, wie es ihnen geht oder wenn es ihnen schlecht geht.

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Man hörte, Kinder hätten vor allem unter dem Mangel an sozialen Kontakten und weniger Sport gelitten. Können Sie das bestätigen?

Viele Kinder haben sicher gelitten, weil Sport reduziert war oder nicht stattgefunden hat. Der Mangel an sozialen Kontakten ist relativ – Kinder sind mit den sozialen Medien weiterhin gut in Kontakt geblieben. Das ist zwar nicht der analoge Kontakt und vorher wurde beklagt, dass Kinder wenig analogen Kontakt haben und digital unterwegs sind. Aber: Sie haben die digitale Welt in der Zeit genutzt und es war, glaube ich, eher etwas Gutes. Inzwischen habe ich viel mit Jugendlichen zu tun, die zum Beispiel als Influencer nicht wenig Geld mit den sozialen Medien verdienen.

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Konnten Sie damit einhergehend einen Anstieg von Mediensucht erkennen?

Mit der Diagnose Mediensucht bin ich sehr zurückhaltend. Nicht jede Handynutzungszeit, das gilt auch für Erwachsene, ist einer Sucht gleichzusetzen. Mediensucht ist nicht stoffgebunden und dadurch gekennzeichnet, dass die betroffenen Menschen ohne dieses Medium Entzugserscheinungen kriegen oder nicht gut zurechtkommen. Auch wenn Erwachsene ihr Handy verlegen und nicht mehr wiederfinden, entsteht ein Gefühl von Panik – und wir sind weit davon entfernt, das mit einer Sucht gleichzusetzen. Ich habe diesbezüglich eine sehr kritische, andere Haltung.

In der Marzipanfabrik haben wir kein Handyverbot und sind damit eine der wenigen Kliniken in Deutschland, die kein Handyverbot ausspricht. Wir fragen die Kinder, wie oft und wofür sie das Handy nutzen. Wenn sie ein Handy nutzen, um zum Beispiel in den Kontakt zu gehen, dann interessieren wir uns dafür.

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Wie bewerten Sie das Thema Online-Unterricht? Bringt es Vorteile oder nur Nachteile für die Kinder oder beides?

Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass wir die Chance, Hybrid-Unterricht (Mischung aus Präsenz- und Online-Unterricht) zu etablieren, nicht aufgegriffen haben. Kinder sagen, dass es in der Klasse zu laut sei. Außerdem sind die deutschen Schulklassen in der Regel viel zu groß. Es wäre ausgezeichnet, die Klassen zu halbieren und in einem Hybridmodell zu unterrichten. Es gibt keine Veranlassung zu denken, dass digitaler Unterricht oder vermehrtes Sitzen vor dem Bildschirm automatisch zu psychischen Erkrankungen führt.

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Manche Eltern haben die Sorge, dass ihre Kinder beispielsweise an dem Rechner nicht ihre Hausaufgaben machen, sondern online „zocken“ und sich in eine Parallelwelt flüchten. Welche Gefahren birgt die Online-Lehre für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen?

Das ist ein ganz eigenes Thema und ein ganz eigener Bereich. Der drückt aus, wie misstrauisch Erwachsene Kindern gegenüber sind. Das kann ich überhaupt nicht teilen und es ist nicht meine Erfahrung. Es gehört, glaube ich, dazu, dass Kinder auch mal ausweichen.

Wenn Online-Unterricht attraktiv gestaltet wird, dann gibt es keinen Grund, dass die Kinder weniger dabei wären als analog. Auch in einem analogen Unterricht können Kinder wunderbar abschweifen und ganz woanders sein.

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Häufig wird davon gesprochen, dass besonders Kinder und Jugendliche auf Gymnasien durch den eigen verursachten Leistungsdruck psychisch erkranken. Heißt das, dass unsere Leistungsgesellschaft krank macht?

Vor ein paar Jahren habe ich mich in der Publikation „Burnout-Kids“ umfangreich dazu geäußert. Ich habe den Eindruck, dass wir Erschöpfungsdepressionen und Erschöpfungssyndrome bei Kindern erzeugen. Und ich glaube, es ist eine vorschnelle Zuschreibung, dass das hausgemacht sei, also dass die Kinder aufgrund ihres eigenen Perfektionismus dahin kommen. Es ist eher so, dass die Jugendlichen sagen: „Ein Abitur unter 2.0 ist eigentlich nichts wert.“

Die Berufs- und Studienmöglichkeiten, die Studienchancen und die Freiheit, ein Studium nach eigenem Interesse zu wählen, ist mit jedem schlechteren Notendurchschnitt deutlich eingeschränkt – und damit auch die Zukunftsaussichten. Das führt dazu, dass die Jugendlichen sich mehr anstrengen.

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In Ihrer Praxis Paidion erfolgt die Behandlung von Kindern und Jugendlichen auf ganzheitlicher Grundlage. Das heißt, sie stellen eine umfassende Diagnostik und Behandlung psychiatrischer und psychosomatischer Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen sowie auch eine entsprechende kinderärztliche Begleitung für somatische Symptome und/oder Begleiterkrankungen. Das umfasst auch eine Zusammenarbeit mit den Eltern der Kinder und Jugendlichen. Welche Hürden müssen Sie bei der Behandlung überwinden?

Es gibt Eltern, die kommen und sagen: „Reparieren Sie mein Kind“ und sind dann irritiert oder reagieren abwehrend darauf, wenn man sagt: „Ich finde, wir müssen gemeinsam Familienarbeit machen“. Das ist aber inzwischen eher selten geworden.

Eltern haben oft Schuldgefühle und fragen sich: „Was habe ich falsch gemacht?“. Und es gibt auch den Fall, dass wir Kinder psychisch kranker Eltern haben. Bei ihnen ist es sozusagen „kein Wunder“, dass es den Kindern auch nicht gut geht oder sie vielleicht sogar dieselbe Krankheit entwickeln wie ihre Eltern.

Dann ist es selbstverständlich, dass mit den Eltern ebenfalls eine Behandlung angestrebt wird. Das machen wir in der Praxis beispielsweise in kleinen Gruppen, auch zum Beispiel als Mütter-Gruppe. In der Regel sind Eltern dankbar, wenn wir ihnen so etwas anbieten.

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Anfang Oktober ist Ihr Buch „Mutlose Mädchen – Ein neues Phänomen besser verstehen“ erschienen. In dem Buch erklären Sie, vor welchen Hürden Mädchen in ihrer Entwicklung stehen. Was ist das Besondere an den von Ihnen beschriebenen Mädchen?

Das Besondere an den mutlosen Mädchen ist, dass sie trotz ausreichend guter Umgebungsbedingungen plötzlich in ihrer Entwicklung stecken bleiben. Sie ziehen sich plötzlich mehr und mehr zurück. Sie gehen plötzlich nicht mehr zur Schule, pflegen keine sozialen Kontakte und vereinsamen sozusagen mit sich selbst. Alle therapeutischen Versuche – auch im stationären Kontext –, die Mädchen wieder ins Leben zu bekommen, funktionieren kaum oder scheitern sogar.

Inwieweit geht das mit einer Depression einher?

Das Kennzeichen dieser Mädchen ist, dass sie in der Regel nicht depressiv sind. Wenn diese Symptomatik lange anhält, dann sind sie sehr verzweifelt und sie können reaktiv zusätzlich eine Depression entwickeln. Primär sagen diese Mädchen allerdings: „Meine Mutter ist kein Vorbild und ich habe keinen Weg für mich. Ich weiß nicht, wohin ich mich entwickeln soll.“

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Sie beschreiben, dass gerade Mädchen die Neugier am Leben abhandengekommen ist. Warum trifft es weniger Jungen

Ich glaube, dass 70 Jahre emanzipatorische Bewegung von Frauen den Freiheitsgrad für Jungen und Männer vergrößert haben. Der Freiheitsgrad von Mädchen hat sich nur in Bezug auf Leistungsbereiche vergrößert. Für ein Mädchen oder eine junge Frau ist es heute keine Option zu sagen: „Ich will Hausfrau und Mutter werden“. Für einen Mann ist es durchaus eine Option zu sagen: „Ich möchte Hausmann sein“. Er wird eher dafür gefeiert, dass er andere Wege geht.

Jungs und Männer können sowohl die konventionellen Wege gehen als auch Balletttänzer und Hausmänner werden. Mädchen können sich ihre Freiheit fast nur im Bereich von Leistung und Erfolg erarbeiten – und dann noch schlechter bezahlt als Männer. Die familiäre Arbeit ist allerdings nach wie vor mehr auf den Schultern der Mütter verteilt.

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Ist es eine Möglichkeit, den Mädchen wieder Mut zu machen, ihnen zu sagen „Ihr dürft auch zu Hause bleiben und Mütter sein“ und ihnen beizubringen, dass es kein „Verbrechen“ ist?

Das ist schwer zu vermitteln, eben weil sie erfolgreiche Mütter haben. Und selbst wenn sie sagen: „Mir macht das nichts, wenn du dir einfach einen Mann suchst, Kinder kriegst und zu Hause bleibst“, habe ich nicht den Eindruck, dass das eine erlebbare Option ist, weil unsere sozialen Normen und Werte anders sind.

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Würden Sie insgesamt dafür appellieren, dass sich die Werte und Normen wieder ein Stück weit verschieben?

Nicht in eine konservative und patriarchalische Richtung. Das ist, glaube ich, keine Option. Aber ich habe den Eindruck, dass wir nach wie vor Arbeit und Kinder nicht gut integrieren. Jobsharing funktioniert wenig. Es gibt kaum gute Modelle für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Junge Mütter sind zerrissen, wenn sie schwanger werden.

Dazu kommt, dass die Bedingungen in den Kitas in Deutschland schlecht sind. Die Personalschlüssel und unter Umständen auch der Ausbildungsstand sind unterirdisch. Es gibt gute Untersuchungen, die zeigen, dass sich 20 Prozent der ganz Kleinen in diesem Betreuungskontext unwohl fühlen.

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Was kann die Gesellschaft tun, damit Kinder- und Jugendseelen gesund werden und bleiben?

Wir sollten aufmerksam gegenüber allem sein, was Kinder belastet und wo sie abweichen. Das Wichtigste ist, dass wir eine misstrauische kollektive Haltung Kindern und Jugendlichen gegenüber ablegen und zu einer durchgängigen Haltung von Wertschätzung und Respekt kommen.

Das Interview führte Sarah Kaßner. 

Michael Schulte-Markwort studierte Humanmedizin und Philosophie und promovierte in diesem Fachbereich. Zunächst arbeitete er mehrere Jahre als Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer Klinik. 1997 habilitierte er und lehrt heute Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medical School Hamburg (MSH). Außerdem leitet er die Fachklinik Marzipanfabrik und arbeitet in der Praxis Paidion – Heilkunde für Kinderseelen in Hamburg und Berlin.

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Quelle

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