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Putin im O-Ton über Erdgas und die Klimapolitik des Westens – Valdai-Konferenz

Bei der Podiumsdiskussion der Valdai-Konferenz, an der der russische Präsident Putin teilgenommen hat, hat er die Gründe für die Energiekrise in Europa mit nackten Zahlen erklärt.

Obwohl Putin bei jeder Gelegenheit den russischen Standpunkt zum Thema Gaspreise und Energiekrise erklärt, scheinen viele europäische Journalisten nicht zu verstehen, was auf diesem Gebiet vor sich geht und stellen die Fragen wieder und wieder. Bei der Podiumsdiskussion der Valdai-Konferenz hat Putin einem britischen Vertreter anhand der nackten Zahlen aufgezeigt, wo das Problem in Europa liegt. Ich habe die Frage und Putins Antwort übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Mark Champion: Vielen Dank, Herr Präsident.

Zur Frage der Lieferung von mehr Gas nach Europa.

Sie haben bereits über die Gaskrise in Europa gesprochen, aber manchmal ist das verwirrend. Manchmal sagen russische Vertreter, dass zusätzliches Gas nach Europa geleitet werden könnte, wenn Nord Stream 2 geöffnet wird, aber manchmal sagen sie, dass es überhaupt kein zusätzliches Gas gibt, das nach Europa geleitet werden könnte.

Ich möchte Sie fragen, ob Sie sagen können, ob es zusätzliches Gas gibt, das Russland nach Europa schicken könnte, wenn Nord Stream 2 in Betrieb genommen wird, oder ob es kein zusätzliches Gas gibt?

Putin: Ich sage Ihnen ganz offen, dass ich es seltsam finde, solche Fragen zu hören. Ich dachte, ich hätte in meinen Antworten auf die Fragen auf der Russian Energy Week in Moskau alles dazu gesagt. Wenn sie dennoch wieder auftauchen, müssen wir natürlich wieder über dieses Thema sprechen.

Schauen Sie sich an, was passiert. Ich glaube, ich habe gestern oder vorgestern bei einem Treffen mit der Regierung gesagt, dass es nicht nur um Energieträger und Gas geht, sondern um die Weltwirtschaft. Die führenden Volkswirtschaften der Welt, die wirtschaftlich entwickelten Länder, weisen immer höhere Haushaltsdefizite auf. Nehmen Sie die Vereinigten Staaten: Wieder eine neue Entscheidung zur Erhöhung der Staatsverschuldung.

Für Menschen, die sich nicht mit der Wirtschaft befassen, kann ich erzählen, was die Entscheidung, die Staatsverschuldung zu erhöhen, bedeutet. Die Fed wird Geld drucken und es der Regierung geben – das bedeutet es, das ist ein Problem. Das Haushaltsdefizit steigt, die Inflation steigt durch die Emission. Die Folge davon sind steigende Preise für Energieträger und steigende Strompreise. Nicht andersherum, sondern in dieser Reihenfolge.

Die Situation wird jedoch durch die Realitäten des Energiemarktes noch verschärft. Was sind diese Realitäten? Sie haben gerade Europa erwähnt. Wie sieht es in Europa aus? Ich werde einige meiner Argumente wiederholen. Die gesamte Philosophie der Europäischen Kommission bestand in den letzten Jahren darin, den Energiemarkt, einschließlich des Gasmarktes, an der Börse, dem so genannten Spotmarkt, zu regulieren. Und uns wollte man davon überzeugen, die so genannten langfristigen Verträge aufzugeben, bei denen die Preise an die Börsenpreise für Rohöl und Erdölprodukte gebunden sind, übrigens an die Weltmarktpreise.

Also wurde alles auf dem Spotmarkt gehandelt. Dabei handelt es sich nicht um echtes Gas, nicht um physische Mengen, die nicht zunehmen – ich werde Ihnen gleich sagen, warum -, sondern um „Papier“-Gas. Es steht zwar auf dem Papier, aber die physischen Mengen gibt es gar nicht, die nehmen ab. Also: Es gab einen kalter Winter und eine größerer Entnahmen aus den unterirdischen Gasspeichern; einen windstillen und heißen Sommer, was einen Mangel an Windenergie bedeutet hat. Die makroökonomischen Gründe habe ich bereits genannt, das sind die rein branchenspezifischen Gründe.

Was passiert nun weiter auf dem europäischen Markt? Erstens geht die Produktion in den Gasförderländern zurück. Die europäische Förderung ist in der ersten Jahreshälfte um 22,5 Milliarden Kubikmeter zurückgegangen, das ist das Erste. Zweitens: 18,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas zu wenig wurden in die Gasspeicher gepumpt, sie sind zu 71 Prozent gefüllt. In der ersten Jahreshälfte wurden 18,5 Milliarden Kubikmeter zu wenig hineingepumpt. Wenn wir jetzt ein Jahr vorausschauen, muss man die Gaslieferungen nächstes Jahr verdoppeln.

Vor allem die Amerikaner, aber auch die Staaten des Nahen Ostens, haben dem europäischen Markt 9 Milliarden Kubikmeter entzogen und sie nach Lateinamerika und Asien umgeleitet. Als die Europäer die Grundsätze formulierten, nach denen der europäische Gasmarkt aufgebaut werden sollte, und sagten, dass alles auf den Spotmarkt ausgerichtet sein muss, gingen sie übrigens davon aus, dass sie ein Premiummarkt sind. Aber der europäische Markt ist heute kein Premium-Markt. Das Gas wurde nach Lateinamerika und Asien umgeleitet.

Ich sagte schon, dass sind 18,5 Milliarden Kubikmeter, multipliziert mit zwei, plus 9 Milliarden Unterversorgung des europäischen Marktes durch die Amerikaner und den Nahen Osten, plus eine rückläufige Produktion von 22,5 Milliarden – das Defizit auf dem europäischen Markt könnte sich auf etwa 70 Milliarden Kubikmeter belaufen. Was hat Russland damit zu tun? Das das Ergebnis der von der EU-Kommission gemachten Wirtschaftspolitik. Russland hat damit überhaupt nichts zu tun.

Russland, einschließlich Gazprom, hat seine Lieferungen für den europäischen Markt erhöht. Gazprom hat seine Lieferungen insgesamt um 8,7 Prozent, glaube ich, und ins gesamte Ausland um 12 Prozent erhöht. Wenn wir vom Ausland sprechen, meinen wir auch China. Das ist auch gut für den Weltmarkt, weil wir die Lieferungen auf den Weltmarkt erhöhen und die Lieferungen auf den europäischen Markt um 8,7 Prozent steigern konnten. In absoluten Zahlen sind das mehr als 11 Milliarden Kubikmeter Gas. Die Amerikaner und die Unternehmen aus dem Nahen Osten haben 9 Milliarden weniger geliefert, während Gazprom um mehr als 11 Milliarden zugelegt hat.

Können mich alle gut hören oder nicht? Nicht in diesem Saal, meine ich, sondern die so genannten Interessierten. Da kürzt Ihnen jemand das Gas, aber wir erhöhen die Liefermengen.

Aber das ist noch nicht alles. Heute bitte ich Sie, sehr genau zuzuhören, und ich möchte, dass Sie hören, was in den so genannten langfristigen Verträgen steht: 1.200 oder 1.150 Dollar pro tausend Kubikmeter kostet das Gas in Europa. Die europäischen Unternehmen, die Gas von Gazprom im Rahmen langfristiger Verträge erhalten, bekommen es – Achtung – viermal billiger. Nicht um irgendeinen Prozentsatz – um das Vierfache! Und Gazprom macht keine Supergewinne. Wir weinen nicht darüber, denn wir sind an langfristigen Verträgen und langfristigen gegenseitigen Verpflichtungen interessiert, denn so sichern wir uns die Möglichkeit, in die Förderung zu investieren und unsere Verbraucher stabil und zuverlässig mit den erforderlichen Mengen zu versorgen.

Sie fragen: Ist eine Erhöhung möglich? Ja, sie ist möglich. Wenn die deutsche Regulierungsbehörde morgen ihre Genehmigung für Nord Stream 2 erteilt, wird übermorgen mit der Lieferung von 17,5 Milliarden Kubikmetern Gas begonnen.

Bis Ende dieses Jahres, Mitte bis Ende Dezember, werden die technischen Arbeiten für die Befüllung des zweiten Stranges von Nord Stream 2 abgeschlossen sein. Das sind insgesamt 55 Milliarden Kubikmeter. Wenn man bedenkt, dass das Defizit auf dem europäischen Markt nach unseren Berechnungen 70 Milliarden Kubikmeter betragen wird, sind 55 ganz anständig.

Sobald die zweite Pipeline voll ist und die Genehmigung der deutschen Regulierungsbehörde vorliegt, werden wir am nächsten Tag mit den Lieferungen beginnen. „Ist das möglich oder nicht?“ haben Sie gefragt. Ja, es ist möglich, aber wir müssen verantwortungsvoll mit den gegenseitigen Verpflichtungen umgehen und daran arbeiten.

Übrigens, wir sprechen über Nord Stream 2, Gazprom… Es sind fünf europäische Unternehmen beteiligt, warum nur Gazprom? Haben Sie das vergessen? Fünf große europäische Unternehmen sind an diesem Projekt beteiligt. Es liegt also nicht nur im Interesse von Gazprom, sondern auch im Interesse unserer Partner, vor allem natürlich unserer europäischen Partner.

Lukjanow (Moderator der Diskussion): Herr Präsident, Nord Stream 2, auf das sich jetzt alle konzentrieren, ist in gewisser Weise Ihr gemeinsamer Erfolg mit Angela Merkel. Tut es Ihnen nicht leid, sie gehen zu sehen? Werden Sie sie nicht vermissen?

Putin: Das ist nicht meine Entscheidung, es ist ihre, dass sie geht. Sie hätte für noch eine Amtszeit kandidieren können. Sie war 16 Jahre an der Macht.

Lukjanow: Das ist einfach gar nichts.

Putin: Nun, warum gar nichts? Das ist anständig. Helmut Kohl, der Vereiniger Deutschlands, war auch 16 Jahre lang an der Macht.

Aber was die Nord Streams angeht, so haben wir diesen Prozess mit Schröder begonnen. Und als wir dann Nord Stream 1 hatten, war es dasselbe wie heute, was den Widerstand dagegen angeht. Alles war wie immer. Aber heute, Gott sei Dank, haben Europa und Deutschland sie, und bekommen ziemlich viel Gas.

Übrigens sprechen wir immer wieder über grüne Energie. Ja, das ist natürlich wichtig. Wenn es nun Fragen gibt, werde ich nochmal versuchen, meine Haltung zu diesem Thema zu formulieren. Aber der Kohlendioxidgehalt unseres Gases ist dreimal geringer als der von amerikanischem Flüssiggas. Wenn die Umweltschützer keine Politiker wären, sondern ihnen wirklich die Zukunft der Menschheit am Herzen liegen würde, könnten sie das nicht ignorieren. Im Großen und Ganzen sollten sie also nicht den Bau von Flüssiggasterminals, sondern die Schließung aller Flüssiggasterminals fordern.

Das Gleiche gilt übrigens leider auch für die ukrainische Pipeline. Ich habe bereits gesagt, dass Nord Stream 2 moderne Technologie ist, moderne Rohre, die es erlauben, den Druck zu erhöhen. Das Gas fließt ohne jegliche Emissionen durch die Ostsee. Die Verdichterstationen sind Minikraftwerke, die ebenfalls mit Gas betrieben werden und CO2 in die Atmosphäre abgeben. Es gibt also 5,6 Mal weniger Emissionen als beim Transit durch die ukrainische Pipeline, weil sie einfach alt ist, noch aus Sowjetzeiten. Die Umweltschützer müssten sagen: „Schließt sofort den Transit durch die Ukraine!“ Nein, es ist genau umgekehrt: „Erhöhen Sie ihn“. Was ist das?

Sehen Sie, dasselbe passiert ja auch beim Öl. Vergessen wir das Gas, ich denke, ich habe es ausführlich erklärt. Was ist mit dem Öl los? Von 2012 bis 2016, also ungefähr in dem Zeitraum, betrugen die Investitionen in die Ölförderung etwa 400 Milliarden Dollar pro Jahr, aber in den letzten Jahren, also in der Zeit vor der Pandemie, sind sie um 40 Prozent zurückgegangen und liegen jetzt bei 260 Milliarden. Aber die Investitionen sind ein Zyklus von 15 bis 30 Jahren, verstehen Sie?

Was ist meiner Meinung nach heute ein weiteres Problem? Ich habe über alle möglichen politischen Komponenten gesprochen. Das ist eine wichtige Sache, die mir jetzt in den Sinn kommt. Die politischen Zyklen in führenden Volkswirtschaften stimmen nicht mit den Investitionszyklen überein, auch nicht in einem so kritischen Sektor wie der Energie. Was ist der politische Zyklus? Vier bis fünf Jahre. Was tun die führenden politischen Kräfte, Parteien und einzelnen Politiker in dieser Zeit? Sie machen Versprechungen. Sie versprechen alles, und zwar so viel und so billig wie möglich. Das gilt auch für die grüne Energie.

Und was ist das Ergebnis? Die Banken vergeben keine Kredite mehr für Investitionen, die Investitionen schrumpfen. Es wird eine Zeit kommen, ähnlich wie heute, in der der Markt eine Nachfrage hat, die aber nirgendwo zu befriedigen ist. Schon heute erhöhen die OPEC-plus-Länder ihre Produktion, sogar etwas mehr als vereinbart, aber nicht alle können das tun, nicht alle Öl-produzierenden Länder sind in der Lage, die Produktion schnell zu erhöhen. Das ist ein langfristiger Prozess, ein großer Zyklus.

Ende der Übersetzung

 

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