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Teilung besiegelt

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Am frühen Morgen des 6. Dezember 1921 hatten die zähen Verhandlungen ein Ende. Um 2.10 Uhr unterzeichneten Vertreter der britischen Regierung, darunter Premierminister David Lloyd George und die Unterhändler der irischen Unabhängigkeitsbefürworter in London den Anglo-Irischen Vertrag. Hinter den Beteiligten lagen zwei Monate harte und oftmals frustrierende Verhandlungen. Viel mehr noch hatten sie zuvor einen mehr als zwei Jahre andauernden Guerillakrieg erlebt, bei dem auf beiden Seiten scheußliche Greueltaten verübt worden waren. Die Irish Republican Army (IRA) hatte rücksichtslos dafür gekämpft, Irland aus dem Vereinigten Königreich herauszulösen und eine unabhängige Republik zu gründen. Sie mordete ihre Gegner kaltblütig, auf offener Straße, vor Kirchen oder im Bett. Genauso brutal handelten die Truppen der britischen Krone. Die Londoner Regierung hatte arbeitslose ehemalige Frontsoldaten rekrutiert, um in Irland Ordnung zu schaffen. Die jungen Männer, von denen viele von ihrem Einsatz im Ersten Weltkrieg traumatisiert waren, verbreiteten in Irland Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung.

Mit dem Anglo-Irischen Vertrag hatte der 1919 begonnene Unabhängigkeitskrieg ein Ende gefunden. Das Abkommen ist ein Meilenstein in der irischen Geschichte. Zum 100jährigen Jubiläum wird es jetzt zum allerersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert, im Rahmen einer Ausstellung von »The National Archives« in Dublin: »Dieses Dokument ist kurz zusammengefasst, deshalb so bedeutend, weil es die rechtliche Basis für ein unabhängiges Irland darstellt«, so John Gibney von der Royal Irish Academy, der an der Ausstellung mitgewirkt hat. Neben dem Vertrag selbst werden weitere Dokumente ausgestellt, darunter persönliche Aufzeichnungen der Beteiligten, Briefe, Gesprächsprotokolle und Notizen. »Der Fokus der Ausstellung liegt voll und ganz auf der Darstellung der Ereignisse, die zum Vertragsabschluss geführt haben«, sagt Gibney.

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Zwiespältiges Ergebnis

Der Anglo-Irische Vertrag war damals ein historischer Erfolg für die irischen Unterhändler. Zum einen, weil sie endlich als gleichrangige Partner mit den britischen Regierungsvertretern an einem Tisch sitzen und verhandeln konnten – zum ersten Mal in der konfliktreichen Geschichte der beiden Nachbarländer. Vorher hatte man von Londoner Seite aus rücksichtslos kurzen Prozess mit irischen Aufständischen gemacht. Zum anderen, weil er einen »Irischen Freistaat« vorsah, der selbst über die inneren Angelegenheiten entscheiden durfte und diesem viele Sonderrechte einräumte. Gleichwohl gab es auch zahlreiche Punkte, die vielen Iren sauer aufstießen: So blieb der Freistaat weiterhin Teil des britischen Commonwealth, inklusive eines Treueeides auf den britischen Monarchen und eines »Governor-General« als Repräsentant der Krone in Dublin. Dazu bekam Nordirland, das bereits ein Jahr zuvor geschaffen worden war, um die dortige protestantische Mehrheit zu befrieden, die Chance eingeräumt, einseitig aus diesem neugeschaffenen Freistaat auszutreten und weiterhin zum Vereinigten Königreich zu gehören. Die Teilung der Insel war also Fakt geworden. Und von einer Republik, wie sie viele Unabhängigkeitsbefürworter gefordert hatten, war absolut keine Rede.

»Die folgenreichste Konsequenz des Vertrages war die Spaltung der Sinn-Féin-Bewegung«, sagt Diarmaid Ferriter, Historiker am University College Dublin: »Bei den britischen Parlamentswahlen 1918 hatte Sinn Féin einen Erdrutschsieg gefeiert, als sie 73 von 105 Sitzen holen konnte. Das erklärte Ziel dieser Partei war die Etablierung einer Republik, und mit diesem deutlichen Wahlergebnis glaubte man, dafür ein Mandat zu haben.« Da der Vertrag diese Forderung nicht erfüllen konnte, weil es für die britische Seite niemals eine Option dargestellt hatte, Irland aus dem Empire zu entlassen, kam es zu hitzigen Diskussionen auf irischer Seite. Nur denkbar knapp wurde der Vertrag von den gewählten Sinn-Féin-Parlamentariern mit 64 zu 57 Stimmen angenommen. Die Bitterkeit auf seiten der Vertragsgegner war so unversöhnlich, dass es zu einem rücksichtslosen Bürgerkrieg kam, bei dem ehemalige Waffengefährten aufeinander losgingen. Die vormals vereinte Front gegen den gemeinsamen Gegner spaltete sich in zwei Lager.

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Bürgerkrieg

Michael Collins, Mitglied des irischen Verhandlungsteams in London, hatte das vorhergesehen. Direkt nach der Unterzeichnung des Anglo-Irischen Vertrages am frühen Morgen des 6. Dezember 1921, sagte er: »Damit habe ich mein Todesurteil unterschrieben.« Womit er recht behalten sollte: Collins wurde während des Bürgerkrieges von Guerillas in einem Hinterhalt erschossen. »Der Bürgerkrieg war kurz, aber die Wunden, die er riss und mit denen der neue Staat zu kämpfen hatte, waren sehr tief und wirken bis heute nach«, so Historiker Ferriter. »Als ich ein Student war in den 1980er Jahren, wurden Kollegen immer noch handgreiflich in Seminaren, weil sie aus Familien kamen, die im Bürgerkrieg auf unterschiedlichen Seiten gestanden und die politischen Präferenzen sozusagen vererbt bekommen hatten.«

Auch in bezug auf die Beziehungen zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich hat der Vertrag bis heute Folgen. Die durch ihn besiegelte Abspaltung Nordirlands sorgte während der Brexit-Verhandlungen immer wieder für Probleme. Aus London wird von der Regierung unter Boris Johnson gedroht, am bestehenden Brexit-Abkommen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union zu rütteln, was in Dublin Alarmstimmung auslöst, weil viele befürchten, dass durch eine harte Grenze der alte Konflikt wieder aufflammen könnte. Es sind die Geister aus der Vergangenheit, von denen die heutigen Verantwortlichen eingeholt werden, denn die gesamte Frage der Nordirland-Grenze hatte im Wahlkampf fürs Brexit-Referendum überhaupt keine Rolle gespielt. Johnson bezeichnete sie explizit als Nebensache. »Es ruft einem in Erinnerung, dass die Engländer im irischen Nationalbewusstsein eine größere Rolle spielen als andersherum. Und das ist in der Tat nicht ungewöhnlich für ein Volk, das kolonisiert wurde und für die Unabhängigkeit gekämpft hat«, so Ferriter. Die Ironie der Geschichte zeigt sich in einer Äußerung des britischen Premierministers Lloyd George wenige Tage nach der Unterzeichnung des Anglo-Irischen Vertrages: »Wir haben die irische Frage gelöst.« Das Gegenteil war der Fall.

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Quelle

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