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Wie Ungeduld unser Vorankommen hemmt

Ein tolles Treffen, ein bevorstehendes Ereignis, ein Gespräch, sei es in unserer Freizeit, im Beruf oder anderen Lebenslagen: manchmal können wir es einfach gar nicht erwarten. Nicht so schnell zu können, wie man möchte, das erzeugt Ungeduld und Unmut. Gerade dann liegen auch Erschöpfung und Wahnsinn nicht weit.

Die These vom „Rasenden Stillstand“

Paul Virilio prägte den Begriff „Rasender Stillstand“ als Endstadium einer Periode stetiger Beschleunigung. Angefangen von der Industrialisierung und den neuen Fortbewegungsmitteln bis hin zu Übertragungstechniken, die einen Raum und Zeit überwinden lassen, ohne dass man sich bewegt. Und nun sitzen wir da und können nicht mehr hin, wo wir hinwollen, und sind unzufrieden mit dem Zustand.

GEDULD IST EIN BAUM, DESSEN WURZEL BITTER, DESSEN FRUCHT ABER SEHR SÜSS IST

Geduld hilft uns in erster Linie dabei, die innere Ruhe in Situationen zu bewahren, die uns normalerweise aus unserem Gleichgewicht bringen würden.

Stehen wir vor einer wichtigen Entscheidung, auf die wir Einfluss nehmen können, so kann vermeintliche Geduld in Wahrheit ein Schleier für Ängste, Faulheit oder Unsicherheit sein.

Ganz anders verhält es sich bei Situationen, die uns in irgendeiner Art beeinträchtigen und an denen wir aktiv nichts verändern können. In solchen Fällen ist Geduld – wie es so schön heißt – eine Tugend, mit der wir den Zustand der fehlenden Kontrolle leichter ertragen können.

In einem Zeitalter, indem man bestimmte Wünsche unter Umständen in Sekunden erfüllt bekommen kann und dank äußerer Einflüsse die Zeit gefühlt immer schneller vergeht, scheint Geduld zunehmend in den Hintergrund zu treten.

Kafka sagte wohl: Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle andern ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren sie nicht zurück. Vielleicht aber gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld. Wegen der Ungeduld sind sie vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück.

Viele Menschen verwechseln Geduld lernen mit der Fähigkeit, auf etwas warten zu können. Aber das stimmt nicht ganz. Geduld ist nicht einfach die Fähigkeit, auf eine Belohnung zu warten, sondern unsere Haltung gegenüber dem Warten. Im Namen der Bequemlichkeit verspricht der Markt weiterhin eine Welt, in der wir nicht länger geduldig warten müssen, sondern dass wir alles, was wir wollen, so schnell wie möglich haben sollten.

Sich Toilettenpapier liefern zu lassen, während man durch 800 Youtube-Videos oder Instagram-Posts scrollt und sich keinen davon anschaut. Wer liebt das nicht? Es ist großartig, oder?

Aber es gibt eine dunkle Seite in unserer ständigen Stimulation von Reizen. Alle Ablenkungen in unserem Leben haben uns darauf getrimmt, zu denken, dass Geduld lernen etwas für Versager ist; dass wir „uns schnell bewegen und Dinge zu Ende bringen müssen“; dass wir im Staub zurückbleiben, wenn wir nicht immer auf dem Laufenden sind.

Menschliches Verhalten wird in erster Linie durch die Vermeidung von Risiken bestimmt. Und all diese niedrig dosierten, lustvollen Erlebnisse werden bei Bedarf und pünktlich (oder mit garantierter Geldrückgabe!) mit einer solchen Regelmäßigkeit geliefert, dass wir darauf konditioniert sind zu denken, dass sie keinerlei Risiko und nur Belohnung mit sich bringen.

In einer ungeduldigen Welt siegt die Geduld.

Sind alle anderen in Eile und durch den jüngsten Tweetstorm abgelenkt, ist es der größte Vorteil, sich zurückzulehnen und lediglich die langsame, bogenförmige Flugbahn des Planeten zu beobachten – und festzustellen, dass er von fast allem, was in letzter Zeit passiert ist, unbewegt geblieben ist -, sowohl in Bezug auf das Vorankommen als auch einfach nur ein stabiler und nicht verrückter Mensch zu werden.

Quellen:
Deutschlandfunk Kultur
Mindvalley
Dennis Streichert