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Wie wichtig sind wir für den Iran?

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Jetzt also Iran. Und natürlich die Ukraine. Es ist noch gar nicht lange her, da war Weißrussland in den Schlagzeilen. Immer geht es um Proteste oder Kriege. Und immer sind „wir“, die wir uns „den Westen“ nennen, sofort zur Stelle, um für Ordnung zu sorgen. Wertebasierte Ordnung, wohlgemerkt. Aber was haben andere Länder mit unseren Werten zu tun?

Venezuela, Brasilien, Iran, Irak, Syrien, Russland, China – alle müssen sie herhalten für unsere Werte, und ein Entrinnen gibt es nicht. Das liegt in aller Regel weniger an den nationalen Entwicklungen jener Länder, sondern vielmehr am Eingreifen von außen. Die Ukraine sei hier beispielhaft angeführt, doch um sie soll es nicht in erster Linie gehen.

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Der Putsch, der Widerstand genannt wird

Noch immer wird uns der im Jahr 2014 erfolgte Staatsstreich in der Ukraine als eine Form des Widerstands verkauft, in dessen Zuge sich die Menschen nichts sehnlicher wünschten als endlich Demokratie und Freiheit auf der Haut zu spüren. Westliche Politiker gaben sich damals die Klinke in die Hand, um den Maidan zu besuchen, auf dem Unglaubliches stattfand.
Doch längst ist bekannt, dass der Schein trügt. Der angeblich friedliche Widerstand war vom Westen, in erster Linie durch die USA, orchestriert und vor allem finanziert. Vitoria Nuland plauderte – ohne Kenntnis darüber, dass sie später weltweit zu hören war – über die fünf Milliarden Dollar, die die USA in den Ukraine-Putsch investiert hatten. Inklusive Scharfschützen und der neuen Besetzung der ukrainischen politischen Ämter.

Heute sehen wir, was die angeblich friedlichen Demonstrationen im Land angerichtet haben. Schon seit Jahren ist die Ukraine ein Sumpf aus Korruption, Oligarchie und offen faschistischen Kräften, die die Geschicke des Landes erheblich mit beeinflussen. Sie ist zudem das wirtschaftliche Armenhaus Europas, in dem jetzt in einem grauenhaften Krieg unzählige Menschen leiden und sterben. Präsident Selenskyj, der noch vor einem Jahr in westlichen Medien als krimineller Gierschlund ohne Skrupel dargestellt wurde, ist zum Helden mutiert, der unsere Freiheit bis in die kleinste Einzimmerwohnung in Bielefeld oder Dresden verteidigt.

Alles gelogen! All die bunten Erzählungen, die uns täglich mundgerecht im Mainstream gereicht werden, sind nichts weiter als große, schwere Schleier, die über ein von außen vernichtetes Land gelegt werden. Vernichtet im Übrigen schon lange vor dem 24. Februar, als Russland in die Ukraine einmarschierte.

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„Wir werden den Iran befreien“

Diese Worte stammen vom irgendwie immer dösenden Joe Biden, und er relativierte sie gleich wieder, nachdem sie seinen Mund verlassen hatten. Das tat er auch mit seiner Äußerung, Putin könne nicht weiter Präsident Russlands sein. So war das nun auch wieder nicht gemeint. Doch der offenbar nicht immer im Besitz der Kontrolle über sich und das, was aus ihm heraussprudelt, plappernde Präsident der Vereinigten Staaten, sagt recht oft die Wahrheit. Bei Kindern, Betrunkenen und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe befindlichen Präsidenten kommt das vor.

Die Frage liegt nahe, warum und wovon der Iran befreit werden soll. Von seinem Regime, das eine ganz eigenwillige Vorstellung des gesellschaftlichen Zusammenlebens hat? Oder doch eher von den westlichen Wirtschaftssanktionen, die Millionen Menschen in Not und Armut gestürzt haben? Die meisten Iraner wären vermutlich schon froh, wenn die Sache mit den Sanktionen endlich abgeblasen werden würde, denn sie sind es, die unglaubliches Leid im Land anrichten.

Die zweite Frage, die sich anbietet, ist die nach dem Danach. Wie sieht es im Iran aus, wenn die USA mit ihm fertig sind? McDonalds, Baseball, Kiefer Sutherland und fettige Hot Dogs? Bleibt noch etwas von der iranischen Kultur übrig? Und wenn ja, was genau? Wenn die USA andere Länder „befreien“ wollen, kommt am Ende ein kompletter gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Ausverkauf dazu. Da werden dann schon mal uralte Traditionen über den Haufen geworfen, und aus religiöser Überzeugung im Land wird der flache American Way of Life, den sich aber nicht alle Menschen auf der Welt zu eigen machen wollen.
Staatschefs aller Länder sollten sich ernsthafte Sorgen machen, wenn sie erfahren, dass die USA ihr Land von was auch immer „befreien“ wollen. In diesem Fall kommen nämlich harte Zeiten auf sie zu.

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Widerstand von innen?

Es scheint, als habe der Tod von Mahsa Amini im Iran eine Art Tropfen erzeugt, der das Fass zum Überlaufen brachte. Plötzlich gingen viele Menschen auf die Straße und kritisierten und verurteilten ihre Regierung. Aus der ganzen Welt kommen Solidaritätsbekundungen, die den Widerstand im Land feiern und unterstützen.

Tatsächlich viel bekannt ist über den Tod von Mahsa Amini aber nicht. Wie so oft wird im Westen eine Version der Geschichte favorisiert, die am besten ins eigene Narrativ passt. Die iranische Stellungnahme sieht gänzlich anders aus. Nun kann man natürlich unterstellen, dass aus dem Iran ohnehin nur Lügen kommen, denen man keinen Glauben schenken muss oder darf. Auf der anderen Seite sind die westlichen Medien schon lange dafür bekannt, dass sie Meldungen ungeprüft übernehmen, offizielle politische Statements von Regierungsseite wohlwollend wiederkäuen und es mit den Fakten selbst nicht so genau nehmen, um es in aller Vorsicht zu formulieren.

Trotzdem scheint die ganze Welt genau zu wissen, was im Iran los ist. Und wenn eine junge Frau stirbt, auch noch aus den „richtigen“ Gründen, die sich eignen, die gesamte politische Führung in Frage zu stellen, dann wird nicht lange gefackelt. Es ist natürlich möglich, dass der Tod von Mahsa Amini der schon erwähnte Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte und somit den Protest ermöglichte. Doch in Stein gemeißelt ist das keineswegs. Man sollte sich also immer fragen, wie verlässlich die Informationen sind, die man erhält.
Und es wäre fahrlässig, die Frage außer Acht zu lassen, ob die Unruhen im Iran ausschließlich aus dem Land heraus entstanden sind oder durch zusätzliche Einflussnahme von außen. Die Vorstellung, dass insbesondere die USA ihre Finger nicht im Spiel haben, diese Option also auszuschließen, muss man als naiv bezeichnen.

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Der Kampf für das Gute?

Eine weitere Möglichkeit, den Iran zu bewerten, besteht in der Loslösung der Situation im Lande vom Tod der jungen Frau. Man könnte also argumentieren, dass etwa die Behandlung von Frauen im Iran so kritikwürdig ist, dass in jedem Fall von außen eingegriffen werden muss. Bei Menschenrechten versteht man eben keinen Spaß. Doch diese Argumentation ist dünn und fehlerhaft.

Zum einen, weil mit zweierlei Maß gemessen wird. Was ist mit den USA, den vielen Angriffskriegen und Regime Changes in aller Welt? Was mit den Sanktionen, die Millionen Menschen in den Hunger treiben? Wie steht es um Katar, einem Land, in dem die Bauarbeiter, die die Stadien für die Fußball-WM gebaut haben, oft daran gestorben sind? Warum wollen wir Gas aus Saudi-Arabien? Und und und …
Und zum zweiten: Wo ziehen wir die Grenze zwischen Intervenieren und nicht Intervenieren? Reicht ein Todesfall aus, von dem wir nur wenig wissen? Müssen 100 oder 1.000 oder 10.000 Menschen inhaftiert oder gefoltert werden? Reicht es für einen massiven Eingriff aus, wenn Frauen kein Auto fahren dürfen? Wo also ist die Grenze?

Und haben wir eine Ahnung, was wir anrichten, wenn wir von außen in eine seit langer Zeit gewachsene Gesellschaft eingreifen? Vielleicht führen wir sogar eine Verbesserung herbei, bewirken aber gleichzeitig Verschlechterungen an zahlreichen anderen Stellen. Es ist die Kurzsichtigkeit des Westens, die dazu führt, dass (sogar gutgemeinte) Handlungen nicht bis ins letzte Detail zu Ende gedacht werden, auch gar nicht gedacht werden können.

Denken wir an die Natur und daran, dass wir einen Schädling erfolgreich ausrotten und hinterher feststellen müssen, dass wir damit einen Kreislauf unterbrochen haben, was wiederum zu einem größeren Schaden führt als der Nutzen, den wir uns erhofft haben. Stellen wir uns vor, Indien wäre ein Land, das in die Geschehnisse anderer Länder eingreift, wenn die indischen politisch Verantwortlichen sehen, dass dort Heilige Kühe gegessen werden.

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Wie es gehen kann

Überall auf der Welt, in jedem Land, gibt es Verbesserungswürdiges. Es gibt aber auch Dinge, die man einfach so lassen sollte, wie sie sind. Um das Gleichgewicht nicht zu stören und um Geschichte und Kultur von Ländern nicht mit einem Handstreich vom Tisch zu wischen. Wann eine Korrektur nötig ist oder nicht, ist die große Frage, der man sich mit viel Vorsicht nähern muss.
Zudem kann eine solche Korrektur nur auf diplomatischem Wege funktionieren. Die Unart, mit der Brechstange in jedes Land zu gehen, das den eigenen Vorstellungen nicht entspricht, ist arrogant, ignorant und aggressiv. Und sie könnte wie ein Bumerang zurückkommen, wenn plötzlich die eigenen Werte von außen neu und als unerwünscht bewertet werden. Länder, die heute die Macht haben, andere Länder von außen zu beeinflussen, sind vielleicht in fünf oder 10 Jahren nicht mehr in dieser Position, sondern in der, dass sie die Länder sind, in die ungefragt eingegriffen wird.

Die Vorstellung, dass weltweit alle Länder in diplomatischer Harmonie die jeweiligen Defizite wertschätzend ausräumen, mag illusorisch sein. Noch viel illusorischer ist jedoch der Ansatz, durch aggressive Einflussnahme etwas zum Besseren zu wenden. Letzteres wird immer zu Gegenwehr führen, zur gerechtfertigten Forderung auf Eigenständigkeit und zum Festhalten an Dingen, die sich vielleicht auf diplomatischem Wege ausräumen ließen.

Die aggressive Einflussnahme auf andere Länder, um etwas vermeintlich Besseres zu erzeugen, ist gefährlich und nicht zielführend. Schon deshalb nicht, weil heute kein Mensch sagen kann, wie eine erwünschte Gesellschaft in der Zukunft aussehen mag. Womöglich auf ganzer Linie anders als das, was wir heute als erstrebenswert betrachten.

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Quelle

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