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Wissenschaft, Religion, Größenwahn

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Wie sich das Verhältnis der Wissenschaft zur Religion wandelte. Einstmals ein Gegensatz, heute ein Ersatz.

Das Experiment von Stanley Milgram ist wahrscheinlich das zweitberühmteste (nach dem pawlowschen Hund) in der Geschichte der Psychologie. Die meisten kennen sein erschreckendes Ergebnis: Probanden, denen gesagt wurde, dass sie einem anderen  Menschen bei seinen Fehlern immer stärkere Stromschläge verabreichen sollen, gehorchten dem Befehl. Sie steigerten die Anwendung der Strafmaßnahmen bis zu einer Spannung von 300 Volt – die Mehrheit sogar bis zu 450 Volt – trotz der furchtbaren Schmerzensschreie des „Bestraften“ und des begründeten Verdachts, dass dieser verletzt oder sogar ohnmächtig werde. (1)

Das Experiment wurde in zahlreichen Fachpublikationen und populären Büchern über Psychologie beschrieben als Beweis dafür, zu welchen Grausamkeiten der Gehorsam gegenüber Autoritäten führen kann.

Erich Fromm war der Einzige, der an dieser Stelle fragte: Welche Autoritäten aber? (2) Im Raum der Probanden befand sich kein Vertreter einer „klassischen“ Autorität: Weder ein Boss noch ein Militär, weder ein Polizist noch ein Politiker, weder ein Priester noch ein Oberlehrer. Nur ein kleiner, bescheidener Mann im weißen Kittel, der bei jedem Versuch eines Probanden, die Anordnung infrage zu stellen, das Experiment abzubrechen oder sich zu empören, einen der folgenden Sätze leise von sich gab: „Bitte machen Sie weiter“, „Sie müssen weitermachen“, „Die Wissenschaft verlangt, dass Sie weitermachen“, „Sie haben keine Wahl; Sie müssen weitermachen.“ Mehr als einen dieser vier Sätze durfte er nicht sagen. Warum also sollen wir verallgemeinert über Autoritäten sprechen, meinte Fromm; was sich hier abspielt, ist der Gehorsam gegenüber der Autorität der Wissenschaft.

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Wissenschaft ist organisierte Skepsis

Wissenschaft, die feste Burg geistiger Freiheiten – als Quelle der Grausamkeit und des Terrors? Wie kann man sich das vorstellen? Wissenschaft als ein spezifisch europäisches Kulturphänomen (im Gegensatz zu Weisheit, die in verschiedensten Kulturen der Erde aufblühen kann) entstand als Systematisierung und Organisierung des normalen menschlichen Zweifelns und Misstrauens. Das wissenschaftliche Misstrauen hat drei Ebenen: Das Misstrauen gegenüber den Autoritäten der anderen; gegenüber allem, was die anderen, wenn auch sehr weisen Menschen, gesagt und geschrieben haben, herrschte noch in der antiken Philosophie. In der Neuzeit kam, mit dem Aufkommen der experimentellen Forschung, das Misstrauen gegenüber den wahrgenommenen Naturerscheinungen hinzu: Man muss stets überprüfen, ob das Sichtbare auch wahr ist. Wir sehen täglich, dass die Sonne auf- und untergeht, und dass eine Feder langsamer fällt als ein Stein. Doch beides ist falsch: Die Erde dreht sich um die Sonne und um die eigene Achse, und die Fallgeschwindigkeiten der Feder und des Steines sind genau gleich, allerdings unter Idealbedingungen eines Vakuums. Zu diesen beiden Formen des Misstrauens kommt die dritte: das stete Misstrauen gegenüber sich selbst und den eigenen Methoden. Aus diesem Selbstzweifel heraus arbeitet die empirische Wissenschaft ständig an immer feineren Methoden der Kontrolle.

„Wissenschaft ist eine organisierte Skepsis“, definierte der Begründer der Wissenschaftssoziologie Robert K. Merton. (3) Robert Oppenheimer sagte dazu: „(Der) Wissenschaftler ist frei, jede Frage zu stellen, jede Aussage anzuzweifeln, nach jeder Art Evidenz zu suchen, jeden Fehler zu korrigieren. Nicht nur können und dürfen Wissenschaftler zweifeln; sie sind sogar verpflichtet zu zweifeln, sobald es nur einen Grund scheint zu geben, dass der Zweifel angebracht ist.“ (4) Der Nobelpreisträger Richard Feynman formulierte diese Idee in den folgenden Worten: „Unter den wissenschaftlichen Aussagen sind einige ziemlich unsicher, andere fast sicher, aber keine absolut sicher. Daher gehen wir, die Wissenschaftler, davon aus, dass es völlig normal ist zu leben, ohne zu wissen. […]. Und damit geben wir ein Vorbild für eine demokratische Gesellschaft, die ebenfalls davon ausgeht, dass niemand weiß, wie man einen Staat führt.“ (5) All diese Aussagen können aber als Variationen der alten sokratischen Formel betrachtet werden: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Nicht derjenige ist ein Wissenschaftler, der viel weiß, sondern derjenige, der klar sieht, wie viel er noch nicht weiß.

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